Die Z10 Spukgeschichte (MNT)
Jetzt tat es ihm fast ein wenig leid, den sicheren und hellerleuchteten Hof verlassen und ihn gegen die stockdunkle und leicht muffige Einfahrt getauscht zu haben. Laut krachend schloß sich die Hoftür hinter ihm. Die plötzliche Stille war schon fast ohrenbetäubend, darum riß er sich aus seinen Gedanken und öffnete die innere Haustür. Überall wehten Spinnenweben umher, die Fenster waren total verdreckt und ließen nur einzelne Fetzen fahlen Mondlichts herein. Früher, so wurde ihm erzählt, hatten die Bewohner im Erdgeschoß wüste Feiern abgehalten, doch davon war nichts mehr zu sehen. Oder doch? Fast meinte er für einen Moment Musik gehört zu haben.
Im ersten Stock bot sich ein identisches Bild: Überall Trümmerstücke der eingefallenen Decke, Gläserscherben und Haufen aus gelben zerknüllten Papieren. Hier hatte vor zwei Jahren das Blutbad begonnen, der die Bewohner in den Wahnsinn und schließlich zu den grausamen Morden getrieben hatte. Er hob eins der Papiere auf, strich es auf seiner Hose glatt, und versuchte die ersten Zeilen zu entziffern: „Protokoll – 11.4. Sitzungsleitung: ...“ murmelte er leise vor sich hin, als plötzlich ein jäher Windstoß die Spinnweben beiseite wehte. Erschreckt versuchte er mit weit aufgerissenen Augen zu erfassen was gerade passierte, doch in diesem Moment flüsterte ihm jemand -oder vielleicht auf etwas- leise „Pooooool“ ins Ohr.
Ohne sich umzudrehen stürzte er panisch halb springend die Treppe herunter, warf sich durch die Haustür, stolperte beim herausrennen über den kleinen Betonabsatz in der Mitte und zerriß sich den Jackenärmel beim Sturz.
Schon eine Minute später war kein Laut mehr zu hören, das Haus verfiel wieder in den Schlaf aus dem es gerissen wurde. Und die Legende des ehemaligen Kulturzentrums machte erneut unter den Straßenbewohnern die Runde.
Oder auch nicht? So langsam füllt sich die WG wieder.

